Mensch bleiben
Vor kurzem bin ich auf den Artikel "Expect the end of the world. Laugh." von L. M. Sacasas in seinem Substack-Kanal The Convivial Society gestoßen, der mich länger beschäftigt hat. Sacasas denkt darüber nach, wie wir angesichts der existenziellen Gefahren durch KI weiter leben können, und er hat eine Erkenntnis gut auf den Punkt gebracht, die ich in meinen Texten auch immer wieder zu formulieren und zu fassen versuche.
Wer die KI-Berichterstattung und -Diskussionen verfolgt, kennt die Warnung: „Nobody is prepared for what's coming." Die Rede ist von KI-induzierten Katastrophen, vom Ende menschlicher Kontrolle über das, was wir selbst gebaut haben. Ob diese Befürchtungen in ihrer extremsten Form begründet sind, lässt Sacasas offen. Er meint, für eine realistische Einschätzung letztlich nicht qualifiziert zu sein. Aber er hält die Angst für ernst genug, um ihr eine literarische Antwort entgegenzuhalten.
C. S. Lewis hat 1948, am Anfang des Atomzeitalters, einen Essay geschrieben: On Living in an Atomic Age. Die Frage, die er stellt, lautet: Wie lebt man angesichts einer Bedrohung, die einen jederzeit auslöschen kann und über die man keine Kontrolle hat? Seine Antwort ist fast trotzig nüchtern. Er erinnert daran, dass Menschen schon immer unter solchen Bedingungen gelebt haben. Im 16. Jahrhundert suchte die Pest London fast jedes Jahr heim, in der Wikingerzeit konnte ein Überfall von der Küste her jede Nacht das Ende bedeuten. Unser Vorteil gegenüber diesen Vorfahren, schreibt Lewis trocken, bestehe vor allem in der Anästhesie. Lewis erinnert daran, dass wir sterbliche Wesen sind und dass wir und alle, die wir lieben, in einer Welt leben, in der der Tod nicht nur eine Gefahr, sondern eine Gewissheit ist. Neue Bedrohungen ändern daran nichts Grundlegendes. Was also tun?
Die erste Handlung, die zu vollziehen ist, heißt: sich zusammenreißen. Wenn wir alle durch eine Atombombe vernichtet werden sollen, dann möge diese Bombe uns, wenn sie kommt, bei vernünftigen und menschlichen Dingen antreffen — beim Beten, Arbeiten, Lehren, Lesen, Musikhören, Kinderbaden, Tennisspielen, beim Plaudern mit Freunden auf ein Bier und eine Partie Darts — und nicht zusammengekauert wie verängstigte Schafe, die nur noch an die Bombe denken. Sie mögen unsere Körper zerstören (das kann auch eine Mikrobe), aber sie dürfen nicht unsere Gedanken beherrschen.1
Sacasas findet das überzeugend, und es liegt nahe, die Passage einfach auf die KI zu übertragen: Wenn uns eine übermenschliche Intelligenz auslöscht, dann soll sie uns dabei vorfinden, wie wir beten, arbeiten, lesen, Kinderbaden, Tennis spielen, uns mit Freunden unterhalten.
Dann aber kommt der Einwand, der seinen Text für mich interessant macht.
Genau diese Tätigkeiten: Arbeit, Lehren, Lesen, Gespräche mit Freunden, ja sogar das Beten, sind es, zu deren Auslagerung an KI wir gegenwärtig ermutigt werden, und die manche bereitwillig abgeben. Das Argument lautet dabei stets, dass man sich so auf „das, was wirklich zählt" konzentrieren könne. Aber diese Formulierung jubelt uns eine Annahme unter, die Sacasas nicht durchgehen lässt: dass das, was zählt, jenseits der alltäglichen Mühe und Arbeit liegt und nicht in ihr.
Hier liegt die eigentliche Pointe. Die Atombombe, wenn sie käme, würde uns beim Leben erwischen und es zerreißen. Die KI tarnt ihre Bedrohung als ein Angebot: Sie nimmt uns das Mühen ab, damit wir ... ja, was eigentlich? Die Arbeit, das Gespräch, das Gebet, die Fürsorge: Das ist nicht die Mühsal, nach deren Abzug das eigentliche Leben erst beginnt. Es ist das eigentliche Leben. Wer auch das noch Maschinen überlässt, gibt nicht Lästiges ab, sondern verliert sein Menschsein schon vor der großen Katastrophe.
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eigene Übersetzung nach: C. S. Lewis, „On Living in an Atomic Age", 1948, in: Present Concerns. Eine deutsche Ausgabe liegt m.W. nicht vor. ↩